Sonntag, 14. September 2014

Familie Pinan

Alles Pinan oder was?

Wer fleißig Kata lernt, dem wird bei der einen oder anderen neuen Kata sowas rausrutschen, wie:

"Das ist ja, wie in der Pinan/Heian-<soundso>dan!"

In der Tat gibt es viele Kata, in denen sich einige Elemente ähneln, teilweise ganze Passagen scheinen aus anderen (oder in anderen) Kata recycled worden zu sein.
 
Wer sich gerade auf die Danprüfung vorbereitet, kommt um diese Erkenntnis in der Kosokun-Dai/Kanku-Dai nicht herum, die gleich zweimal gefährlich nach Pinan-Shodan/Heian-Nidan aussieht, an weiteren Stellen Teile der Pinan/Heian-Yondan zu haben scheint und auch die Pinan/Heian-Godan hat sich mit eingeschlichen. Überhaupt scheinen alle Pinan/Heian-Kata irgendwo in der Kosokun/Kanku-Dai mit eingebaut worden zu sein.
 
Was ist da los?
 
Waren die Meister alle ziemlich einfallslos und haben voneinander abgeguckt?
 
Oder ist das Recycling auf japanisch?
 
Einfallslos waren unsere großen Meister mit Sicherheit nicht, aber Recycling trifft es in der Tat schon ganz gut.
Wenn man sich die heutigen Kata anschaut, stellt man schnell fest, dass sich viele von ihnen in einige Kata-Familien einsortieren lassen.

"Ja, klar, da stehen dann Nummern dahinter, Shodan, Nidan, Sandan und so weiter."

Auch, aber nicht nur. Zur selben Familie, wie die Pinan/Heian-Kata gehören die Kus(h)anku/Kosokun/Kanku-Kata, die Chintō/Gankaku und weitere.
 
Schon verwirrt?
 
In die Pinan-Familie - nennen wir sie ruhig so, denn dort trifft sich ihr Stammbaum - gehören auch Kata mit so tollen Namen, wie Tai Sabaki Shodan, Taikyoku und Fukyugata.
 
Jetzt verwirrt? Geht doch!
 
Um das Ganze jetzt langsam zu entwirren, begeben wir uns zunächst ins alte China.
 
Halt, sitzen bleiben! Nur gedanklich natürlich!
 
Die Kata-Forschung ist sich noch nicht ganz einig, jedoch haben die Recherchen bisher einen relativ wahrscheinlichen geschichtlichen Ablauf ergeben. Die verschiedenen Ergebnisse und Erkenntnisse der Schulen versuche ich jetzt mal, unter einen Hut zu bringen und eine zusammenhängende Story draus zu basteln.
 
Ungefähr im Jahr 1670 kam in der Fukien-Provinz in China ein Junge namens Kwang Shang Fu zur Welt, der später bei einem Shaolin-Mönch die Kunst des Chuan'Fa erlernte, das chinesische Boxen des Weißen Kranichs. Ungefähr 1756, wahrscheinlich noch etwas früher, wurde er als Botschafter der Qing-Dynastie nach Okinawa entsandt, wo er unter dem Namen Kusanku/Kushanku bekannt wurde und in dem Dorf Kanemura in der Nähe der Stadt Naha lebte. In seiner Zeit in Okinawa gab er seine Kunst an seine Schüler weiter, unter denen sich auch Chatan Yara und Sakugawa Kanga befanden. Kusanku starb im Jahr 1762.


chinesische Gesandte im Königreich Ryukyu (heute: Okinawa)
Alle Bilder unter CC-Lizenz
Im Jahr 1668 kam Yara Guwa im Dorf Chatan bei der Stadt Shuri auf Okinawa zur Welt, der später als Chatan Yara bekannt wurde. Als Spross einer Adelsfamilie wurde er im Alter von 12 Jahren nach China geschickt, um dort die Sprache und die Kampfkünste zu lernen. Sein Meister hieß Wong Chung-Yoh. Nach 20 Jahren kehrte er nach Shuri zurück und wurde Zeuge, wie ein Samurai eine Frau bedrängte. Nachdem er diesen getötet hat, rekrutierte ihn die Lokalverwaltung als Lehrer, um seine Künste für die Selbstverteidigung der Bevölkerung weiterzugeben. Einer seiner Schüler war Takahara Peichin, einer der ersten, die den Do, den Weg als Philosophie erklärten. Im hohen Alter lernte er Kusanku kennen, von dem er noch lernte, ehe er verstarb. Er gab seine eigenen Künste ebenfalls an Kusanku weiter, der sie seinen Schülern mitgab.
 
1733 kam im Dorf Akata, das ebenfalls zu Shuri gehörte, Sakugawa Kanga zur Welt. Ab 1750 lernte er Te unter Takahara Peichin und Chatan Yara. Sechs Jahre später legte Takahara im Nahe, zur Vervollkommnung seiner Kunst bei Kusanku Chuan'Fa zu lernen, wo Sakugawa seinen alten Meister Chatan Yara wieder traf. Auch unter Kusanku lernte Sakugawa 6 Jahre bis zu Kusankus Tod im Jahr 1762. Nach dessen Tod entwickelte er die Kata Kusanku, die er zu Ehren seines Meisters nach diesem benannte. Es ist nicht ganz eindeutig nachweisbar, ob er die Chatan Yara Kusanku parallel dazu entwickelte oder ob es dieselbe Kata ist. Klar ist, dass etwa in der Mitte der 60er Jahre des 18. Jahrhunderts die Wurzeln der Kus(h)anku/Kosokun/Kanku-Kata liegen: Dai, Sho, Chatan Yara und Shiho. Es wird angenommen, dass die Kusanku-Dai und die Chatan Yara Kusanku von Sakugawa selbst entwickelt wurden, die Kusanku-Sho kann bisher nicht eindeutig einem Erschaffer zugeordnet werden, die Shiho Kosokun stammt wahrscheinlich von Mabuni Kenwa.
 
Manchmal muss es eben einfach etwas trockene Geschichte sein, um alle Zusammenhänge zu sehen. Den Stammbaum der Kusanku-Kata sind wir nun also hochgeklettert. Unterwegs treffen wir jetzt noch auf Sakugawas Schüler Matsumura "Bushi" Sokon und dessen Schüler Anko Itosu, bei denen sich der Stammbaum schließlich mit seinem anderen Zweig trifft.
 
Dieser andere Zweig könnte eher als Busch durchgehen, denn die Geschichte ist auf dieser Seite lange nicht so klar, wie die Geschichte der Kusanku. Die Rede ist hier von der "Mutter der Pinan", der Channan.
 
Chiang Nan war der Legende zufolge ein chinesischer Seemann, der um die Jahrhundertwende des 18. zum 19. Jahrhundert vor der Küste Okinawas einen Schiffbruch erlitt und sich an Land schleppen konnte. Er versteckte sich in einer Höhle in der Nähe der Stadt Tomari und ernährte sich durch Diebstahl in den umliegenden Dörfern. Matsumura Sokon, seines Zeichens Polizeihauptmann in Tomari und Träger des Ehrentitels "Bushi", erhielt den Auftrag, den Störenfried unschädlich zu machen.
 
Werfen wir mal einen Blick auf die Ausgangslage dieses Kampfes.
 
Matsumura "Bushi" Sokon
Der Heimspieler, ein erfahrener, schlagerprobter und hochdekorierter Polizeihauptmann mit allen Waffen, die die damalige Zeit an modernem Kampfgerät zu bieten hat.
 
Der Gastspieler, ein gestrandeter, heruntergekommener und ausgehungerter Seemann und Dieb, Bewaffnung wenn überhaupt, dann ein Stock.

"Klare Sache, da kann es nur einen Sieger gegeben haben!"

Typischer Fall von "Denkste!".
 
Trotz Aufbietung all seiner Fähigkeiten und seines Waffenarsenals, mit dem er einen Samurai eingeschüchtert hätte, gelang es Matsumura nicht, Chiang Nan zu besiegen. Als ihm klar wurde, dass sie sich in dieser Situation ebenbürtig waren, in einem unbewaffneten Kampf also das vermeintlich unterlegene Treibgut für Matsumura unbesiegbar gewesen wäre, legte letzterer die Waffen nieder und bat Chiang Nan, ihn seine Kunst zu lehren.
Chiang Nan - von Matsumura, dessen Zunge etwas unerfahren mit chinesisch war, Channan genannt - unterwies Matsumura im Kung Fu des südlichen Flusses. Das geballte Wissen wurde in einer Kata verpackt, die Matsumura auch an seine Schüler weitergab.
 

Anko Itosu
Auch der als "Vater des modernen Karate" geltende Anko Itosu lernte diese Kata. Die Forschung kann bisher nicht eindeutig sagen, wer ihr den Namen Channan gab, Matsumura oder Itosu, allerdings lässt sich vermuten, dass nach der Matsumura Bassai und der Kusanku nun Channan zu ehren an der Reihe war und daher die Kata nach ihm benannt wurde. Weiterhin wird vermutet, dass Chiang Nan selbst diese Kata nach ihrer Herkunft Ping'An nannte.
Die Geschichte wird hier sehr verschwommen und es lässt sich nicht sagen, wann genau die Channan zur Pinan wurde. Was wir wissen ist, dass Motobu Choki, der Begründer des Motobu-Ryu-Stils, von Itosu die Channan erlernte und eines Tages bei einem Treffen mit seinem alten Meister von dessen Schülern die Channan vorgeführt bekam, zu der er anmerkte, dass sie anders sei, als er sie kannte. Daraufhin erfuhr er, dass sie weiterentwickelt worden sei und nun Pinan hieß.


 

"Hey! Da sollte sich doch was treffen!"

Richtig, hat es auch, still und heimlich.
 
Von Anko Itosu wissen wir, dass er sowohl die Kushanku, als auch die Channan gelernt hat, was für damalige Verhältnisse erstaunlich war, denn es wurde ursprünglich nur eine Kata vermittelt, die das gesamte Wissen einer Schule enthielt. Die Suparimpei ist noch ein Relikt aus dieser Zeit, weswegen sie so lang ist. Alle historischen Kata, wie eben auch die originale Kushanku oder die Neipai, der Vorgänger der Nipaipo, waren ähnlich lang und so auch die Channan.
Auch Itosu hatte noch den Drang, sein Wissen in einer Kata zu vereinen. So geschah es nun, dass er aus den beiden großen Kata Channan und Kushanku eine neue entwickelte, die die Quintessenzen ihrer beiden Eltern in sich trug: Die Pinan. Hier ist die Vermutung naheliegend, dass der Name gewählt wurde, da beide Vorläufer, die Kushanku und die Channan, ihre Wurzeln in Südchina haben, in der Gegend um Ping'An. Ping'An, auf Okinawa Pinan ausgesprochen, bedeutet "Frieden und Ruhe". Diese Bedeutung wollte Funakoshi Gichin, der Begründer des Shotokan, beibehalten, als er die Pinan-Kata ins Japanische zu Heian übersetzte.
Funakoshi Gichin
 
Die Geschichte berichtet über einen chinesischen Seefahrer namens Chinto, der ebenfalls schiffbrüchig in der Gegend um Tomari in einer Höhle Unterschlupf suchte und zu einem Polizei-Lehrer wurde. Die Ähnlichkeit hier lässt den Schluss zu, dass Chinto und Chiang Nan wahrscheinlich dieselbe Person waren. Ein weiteres Indiz für diese Vermutung ist, dass Matsumura bei Chinto aus Annan gelernt haben soll. Die These, dass Kata nach der Herkunft ihrer Wurzeln benannt wurden, lässt sich auch hier anwenden. Annan (Ang'An) liegt nicht weit von Ping'An entfernt und möglicherweise hat Itosu nicht alle wesentlichen Elemente der Channan in die Pinan übernehmen können, weshalb er daneben die Annan schuf, aus der sich die spätere Ananku ableiten könnte.

"Die Channan kennen wir heute nicht mehr. Und auch keine Pinan, die so lang ist, wie die Suparimpei, sondern 5 wesentlich kürzere. Wer hat denn die zerschnippelt??"

Der Itosu war's!
 
Ab 1901 begann Itosu, Karate (To-te) für den Schulunterricht verwendbar zu machen und ab 1905 lehrte er als Teilzeitlehrer an der ersten Junior High School der Präfektur Okinawa. In dieser Zeit entwickelte er aus der Pinan die fünf Kata, die noch heute weitgehend in ihrer damaligen Fassung gelehrt werden, um einerseits den Schülern die Kräftigung des Körpers und das Erlernen der Techniken zu erleichtern, ihnen andererseits aber nicht sofort die Geheimnisse der Kampfkunst zu vermitteln, was weiterhin nur ausgewählten Schülern vorbehalten war, die sich als würdig erwiesen hatten.
 
Mabuni Kenwa zeigt den Shuto Enkei Uke
Im Laufe der Zeit wurde von Itosus Schülern das Fünf-Pinan-Prinzip weiterhin benutzt, während ihre Herkunft in der Zeit versank. Einige Schüler Itosus und seiner Schüler entwickelten aus dem, was sie von den Ur-Kata noch erlernt hatten, eigene Variationen, wie Myojo und die Fukyugata Ichi oder die Ten no Kata.
 
Im Shindo Jinen Ryu/Ryubo-Kai und im Shotokan wurden die vereinfachten und gekürzten fünf Pinan/Heian-Kata noch weiter vereinfacht und die Tai Sabaki Shodan bis Sandan (Shindo Jinen) bzw. Taikyoku (Shotokan) daraus entwickelt.
 
Der einzige Ausreißer in diesem Immer-einfacher-Karussel war der Stilbegründer des Shito Ryu, Mabuni Kenwa. Er entwickelte die Shiho Kosokun, die sich an der originalen Kushanku orientierte, die er von Itosu als Uchi-Deshi gelernt hat.
 
Jetzt haben wir uns also durch 3 Jahrhunderte Karate-Geschichte gewühlt und aufgedeckt, warum so viele verschiedene Kata sich in mehr oder weniger großen Teilen ähneln. Alles klar?

"Nix ist klar! Wer soll denn da durchsehen?"

Okay, Zeit für meine Kritzeleien:



Stammbaum der Pinan-Kata. Eingerahmt die Personen, Kursiv die Kata, zum Vergrößern anklicken


 
Ich hoffe, mit dem Bild konnte ich es nun etwas verdeutlichen und entschuldige mich aufrichtig für den trockenen Geschichtsstoff. Die nächsten Artikel werden wieder in der gewohnten Form erscheinen.
Als Entschädigung - und weil's natürlich auch zum Thema passt - hier die "Queen of Kata", die amtierende Kata-Weltmeisterin Usami Rika bei der Chatan Yara Kusanku:
Usami Rika zeigt die Chatan Yara Kusanku
 
Kommentare sind wie immer sehr gern gesehen.
 
~Sören
 




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