Freitag, 5. Dezember 2014

Die besten Freunde des Karateka

Teil 1

Kennt ihr das?

Mitten in der Kata. Seit 10 Minuten stehen wir im Shiko-Dachi und der Trainer macht keine Anstalten, weiterzumachen. Stattdessen hält er Volksreden über Hikite, die hintere Hand, und warum diese an die Rippen gehört. Im Gehirn kommt das schon gar nicht mehr an, stattdessen sind da nur noch 2 Worte:
 

"ZÄHL!! WEITER!!"


Schauen wir mal in den Kopf eines unserer Mitschüler: "Mir tun die Schultern weh, mir tut der Nacken weh, mir tut der Rücken weh, mir tun die Knie weh!! Zähl weiter, verdammt!!"
 
Darf ich vorstellen: Euer neuer bester Freund: Der Schmerz!
 
Nein, wir wollen natürlich weder Masochisten, noch Sadisten werden.
 
So isses!
 
Und genau deshalb ist der Schmerz unser bester Freund und Trainingspartner. Er sagt uns, dass etwas nicht richtig ist.
Der Mensch ist im Normalfall auf Vermeidung programmiert. Wenn uns etwas schadet, weichen wir davon zurück.
 
Warum tun wir das bei einem funktionellen Schmerz nicht? Tut unser Rücken weh, wenn wir minutenlang in einem Stand stehen, warum weichen wir nicht von dem Schmerz zurück?
 

Weil wir nicht auf unseren Körper hören.


Wenn der Körper Schmerzen an das Gehirn meldet, fordert er dieses auf, etwas gegen den Schmerz zu tun. Viele von uns denken jedoch im Training, dass Schmerz dazugehört oder sie schlicht noch nicht so weit sind, wie diejenigen, die schmerzfrei stehen können. Karate jedoch ist eine holistische, eine ganzheitliche Kampfkunst. Es ist nicht rein äußerlich, sondern auch innerlich.
 
Betrachten wir uns mal das häufigste Verhalten, wenn im Shiko-Dachi Rückenschmerzen auftreten: Blick zum Trainer - Aha, er guckt weg - Beine durchdrücken, aber Rücken nach vorn, damit der Kopf auf seiner Höhe bleibt, damit es nicht auffällt. Nicht nur, dass das extrem auffällt, es verschlimmert auch die Schmerzen, denn die Wirbelsäule muss noch mehr Zugkraft kompensieren.

Wo kommen die Rückenschmerzen her? In den meisten Fällen daher, dass der Schüler nicht gerade steht. Einige stehen im Hohlkreuz, viel mehr jedoch stehen vornübergebeugt und machen einen Buckel. Durch Schule und Arbeit haben sich viele bereits an eine vorgebeugte Haltung gewöhnt, sodass ihr Körpergefühl ihnen nicht mitteilt, dass sie aus dem Lot geraten sind. Jetzt jedoch meldet der Rücken sich.

Im Idealfall sollte im Gehirn ankommen "Aua, ich stehe nicht gerade.", doch Tatsache ist leider oft, dass nach "Aua" keiner mehr zuhört.
 
Es tut weh.
 
Fertig.
 
Und Karate ist schuld!
 
Was also tun? Mit Karate aufhören? Lieber nicht, denn genau jetzt haben wir die Chance, unseren Körper zur Heilung zu schulen!
 
Zum Einen hat jedes gut ausgestattete Dojo mindestens eine verspiegelte Wand, sodass wir uns selbst sehen können. Wenn wir wie Quasimodo an der Glocke stehen, können wir das sehen und uns geraderichten. Aber auch ohne Spiegel, wenn wir in einer Sporthalle oder zu Hause trainieren, kann man es fühlen und dem begegnen. Schmerzt der Rücken, bewegen wir uns langsam ins Lot zurück und spüren, wie der Schmerz nachlässt. Jedoch nicht in Soldatenmanier plötzlich stramm stehen, denn der Schmerzreiz braucht eine Weile, um zu reagieren und wenn wir uns schnell aufrichten und darauf warten, dass irgendwann unterwegs der Schmerz vergeht, kann es passieren, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes über das Ziel hinausgehen und plötzlich in die andere Richtung übertreiben. Langsam und in Ruhe, dem Schmerz zuhören und nach wenigen Sekunden stehen wir gerade.
Und überrascht stellen wir fest, dass auch die Schmerzen in den Knien und im Nacken nachlassen.
 

Wie geht'n das?


Wir wissen, ein korrekter Shiko-Dachi beinhaltet, dass die Knie und die Füße in jeweils dieselbe Richtung zeigen. Stehen wir vorgebeugt, bewegen wir auch die Knie aus der Idealposition nach vorn, um im Gleichgewicht zu bleiben, während die Schultern unbewusst nach oben gezogen werden im Versuch unseres Gehirns, halbwegs geradezustehen. Durch die Zugbelastung an den Knien können hier im Laufe der Zeit Überlastungs- oder sogar Abnutzungsschmerzen entstehen, während die Schulter-Nacken-Partie durch die Dauerbelastung verkrampft. Dies kann im Extremfall bis zur Migräne gehen. Stehen wir im Hohlkreuz, ziehen wir automatisch die Knie nach außen, auch hier wieder, um im Gleichgewicht zu bleiben. Der Trapezmuskel im Nacken versucht auch diesmal, gegenzusteuern und uns geradezuziehen.
Wenn der Rücken wieder geradegerichtet wird, entspannt sich also sowohl der seitliche Quadriceps im Oberschenkel, der unsere Knie nicht mehr nach innen oder außen ziehen muss, als auch der Trapezmuskel im Nacken, der nicht mehr verzweifelt versucht, uns nach oben zu ziehen.
 

Und wie finde ich jetzt von mehreren Schmerzen den heraus, dem ich zuhören muss?


In vielen Fällen, wenn nicht gar in den meisten, hilft uns das Wissen, dass der Schmerz unser bester Freund ist, um eine Eselsbrücke zu finden. Freundschaften sind dem Herzen zugeordnet, also nehmen wir uns den Schmerz, der ihm am nächsten ist. Die Wirbelsäule war in unserem Fall dichter am Herzen, als der Nacken oder die Knie, also haben wir diese bearbeitet und die Folgeschmerzen besserten sich ebenfalls.
 
Dies lässt sich auch auf andere Fälle anwenden. Nehmen wir als Beispiel einmal Schmerzen im Hacken beim Zenkutsu-Dachi und ganz leicht spürbare Schmerzen in der Hüfte auf der anderen Seite. Die Hüfte ist dichter am Herzen, also fragen wir uns, warum sie wehtut und stellen fest, sie steht nicht parallel zum Boden, weil wir uns aufdrehen, also die Seite der Hüfte, deren Bein vorn ist, ebenfalls nach vorn gedreht wurde. Drehen wir uns also zu, sodass beide Seiten der Hüften gleichmäßig stehen, richten wir uns fast automatisch auch parallel zum Boden aus, wodurch die Scherkraft auf den Hacken nachlässt. Wir werden bald merken, dass auch die - anfangs als stärker empfundenen - Schmerzen im Hacken nun nachlassen, da die Kraft gleichmäßig wirkt und der Hacken nicht mehr nach außen gedrückt wird.
 

Findet ihr noch weitere Analogien?


Wir sehen also, auf den eigenen Körper hören ist kein Mantra ohne Anwendbarkeit, sondern absolut natürliches Verhalten und sollte von denen unter uns, die nicht daran denken, wiederentdeckt werden. "Es tut weh" ist keine brauchbare Information für uns selbst, wir müssen uns und den Schmerz fragen, warum. Dann können wir in Ruhe entgegenwirken und so manch chronisches Leiden vielleicht sogar loswerden.
 
Ach übrigens... er hat schon lange weitergezählt und alle warten auf uns, wir sind die einzigen hier, die immer noch im Shiko-Dachi stehen.
 
~ Sören

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